Mit Mut bereit zum Widerspruch

Gustav Heinemann 1 2

Was an Metternich denken lässt. Die freiheitliche Gesellschaft muss in Bewegung bleiben

Aus Anlass der Verleihung des „Lessing­ Preises der Freien und Hansestadt Hamburg“ an Dr. Dr. Gustav Heinemann, Bundespräsident a. D., hielt dieser eine Ansprache, in der er davor warnte, unsere Demokratie lediglich als eine Folgeerscheinung verlorener Weltkriege zu betrachten und zu verkennen, dass es eine deutsche Freiheitsbewegung mit eigenen Wurzeln gibt. Er äußerte Kritik an einem Staatsverständnis, wonach der Staat der Inbegriff der Exekutiv-Gewalt sei und wies darauf hin, dass eine freiheitliche Gesellschaft stets in Bewegung bleiben muss.

Wenn Publik-Forum den authentischen Text dieser Ansprache veröffentlicht – der Text ist lediglich in seiner Einleitung gekürzt -, dann ist dies auch als ein Zeichen der gegenseitigen Verbundenheit zu werten, die jetzt auch mit dem Eintritt Dr. Gustav Heinemanns in den Beirat der „Leserinitiative Publik“ ihren Ausdruck gefunden hat. Heinemann ist gerade für Katholiken – und hierbei insbesondere bei einem Groß­teil der älteren Generation – eine, wenn man so sagen will – „protestantische Pro­blemperson ersten Ranges. Dieser Heinemann war einst von ihren Wort- und Denkführern in die Ketzerecke gerückt worden. Heinemann – das war ihnen der leibhaftige Anti-Adenauer, die personifizierte Widerborstigkeit und der Zerstörer der politischen Heiligen Allianz der beiden Kirchen, die sich in der CDU als bi-konfessionelle Partei ihr Gehäuse gegeben hatte. Dieser standhafte Mann, das ist viel zu wenigen bewusst, hat unser ganzes Volk in einen notwendigen Lernprozess hineingeführt, ohne dabei durch sein Verhalten auch nur im Geringsten den Anlass gegeben zu haben als politischer Messias gefeiert zu werden. Sein Name steht für Zivilcourage.

Die Kritiker unserer Zeit – Alfred Kerr – hat Lessing einmal einen „hohen Zivilisten“ genannt. In der Tat – es drängte Lessing nicht an Fürstenhöfe. Er wollte unabhängig sein. Er stellte in seinen Dramen nicht hohe Personen auf die Bühne, sondern bürgerliche Menschen. Mit verkrusteter Kirchlichkeit kam er, der Pfarrersohn, nicht zurecht: Ihm ging es um Freiheit für seine Mitmenschen. Alles das macht ihn wichtig, und Hamburg ehrt ihn mit Grund durch den auf seinen Namen gestifteten Preis.

In der Begründung für die Verleihung des Preises an mich sprechen die Preisrichter u.a. von meiner Bemühung um ein ausgeglichenes Verständnis unserer Geschichte, d.h. um die Verlebendigung ihrer lange verleugneten demokratischen Bestandteile. Daran möchte ich heute anknüpfen und verdeutlichen, worum es geht.

Ich bin mir dabei vollauf bewusst, dass andere Themen heute lebenswichtiger sind als dieses. Wir alle stehen doch vor der Tatsache, dass die Lebensgrundlagen der Menschheit im ganzen fragwürdiger geworden sind. Es geht darum, ob wir sie erhalten oder verwüsten, ob wir mit Gottes Schöpfung verantwortlich oder unverantwortlich umgehen. In dem heilsam aufregenden Buch „Ende oder Wende“ spricht Erhard Eppler davon, dass die Lücke zwischen den Wirklichkeiten unseres Lebens und unserem Bewusstsein immer größer wird. Das bedeutet, dass heute eine andere Aufklärung geboten ist, als Lessing und seine Geistesverwandten sie seit 200 Jahren betrieben haben. Dies muss. ich vorausschicken, ehe ich mich der Frage zuwende, wie es um die demokratischen Vorgänge in unserem Geschichtsbewusstsein steht.

Dazu einige Schlaglichter: Eine Befragung der 2721 Schüler, die sich am diesjährigen Preisausschreiben des nach mir benannten und von Ihren Hamburger Mitbürgern Bürgermeister Weichmann mit organisierten und von Dr. Körber finanzierten Schülerwettbewerbes zum Verständnis deutscher Freiheitsbewegungen unter dem Thema „Vom Kaiserreich zur Republik 1918/19″ beteiligten, ergab, dass etwa 95 Prozent der Schüler in den Schulen nichts oder nur sehr wenig über die November-Revolution gehört hatten. Oder: Das Gedenken an denBauernkrieg vor 450 Jahren hat sich die DDR in diesem Jahr vielfältig zu eigen gemacht. Bei uns wird der Bauernkrieg von 1525 üblicherweise im Zusammenhang mit der Reformationsgeschichte nur am Rande behandelt. Auf dem diesjährigen Bauerntag in Wiesbaden wurde er nur beiläufig erwähnt. Dem entspricht es, dass in den illustrierten Büchern, die fast alle Städte und Landkreise bei uns zu ihrem Ruhme herausgeben, der Vorgänge im Bauernkrieg auch dann nur flüchtig und oft abschätzig gedacht wird, wenn der Bauernkrieg in ihren eigenen Bereichen eine Rolle spielte. Oder: Im Hotzenwald, im südlichen Schwarzwald, leben Nachkommen der Untertanen der ehemaligen reichsunmittelbaren Abtei St. Blasien, die sich in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wiederholt gegen den Fürstenabt erhoben haben und niedergeschlagen wurden. Wie ich selbst erfahren habe, wissen heutige Hotzenwälder von ihren Vorfahren oder von der Geschichte ihrer Höfe so gut wie nichts. Kurzum: Wird solches und vieles andere unter uns einfach. zugedeckt und vergessen, weil unser Grundgesetz jetzt gewährleistet, wofür Vorfahren gekämpft und gelitten haben? Dann wären es in der Tat nur fremde Siegermächte aus zwei Weltkriegen, die uns demokratisch gemacht haben. Unsere Demokratie kann aber nur dann Bestand haben, wenn wir uns in sie hineinleben und der eigenen Wurzeln gedenken, die sie bei uns hat.

Es ist klar, dass dazu vieles beitragen muss. – die Schule so gut wie überhaupt eine allgemeine Verlebendigung dessen, was in deutschen Landen an Aufbegehren gegen Unrecht und soziale Missstände geschehen ist. Es ist nun einmal so, dass Geschichte von den jeweiligen Siegern geschrieben wird. Um so größer ist das leere Feld, das die Geschichtsschreibung der Sieger mit den Fürstenkronen hinterlassen hat und das endlich bestellt werden muss. Was uns not tut, wäre ein neuer Lessing der Freiheitsbewegungen. Außerdem ist unendlich viel Kleinarbeit zu leisten. Dabei ist an vielerlei Vorgänge zu denken. Ich nenne einige Beispiele.

Die Zunftauseinandersetzungen seit dem ausgehenden Mittelalter leben nur in verborgenen Spezialuntersuchungen. Den deutschen Jakobinern wendet sich die geschichtliche Forschung jetzt auch bei uns endlich zu. Aber was weiß die Öffentlichkeit eigentlich von ihnen, was wird in denSchulen von ihnen erwähnt? Welcher Mainzer Bürger hat schon einmal vom Jakobinerclub seiner Stadt gehört und von der Mainzer Republik des Jahres 1792? Wer in dieser Stadt kennt den Hamburger Jakobiner Heinrich Würzer, der 1784 für vaterländisches Weltbürgertum und freiheitliche Aufklärung stritt, oder wer etwas von den vielerlei demokratischen Bewegungen, die hier durch die Französische Revolution ausgelöst wurden? Wieviele Bremer Bürger kennen den Aufstand der Stedinger Bauern im 13. Jahrhundert, die sch1ießlch dem Bremer Erzbischof unterlagen?

Noch immer vernachlässigt wird das Jahr 1849, der Aufstand der Bürger im westdeutschen Industriebereich, die pfälzische Erhebung für die Reichsverfassung der Paulskirche und die badische Revolution. Einiges davon ist neuerdings ans Licht gehoben worden. Aber wir brauchen viel mehr orts- und landesgeschichtliche Forschung der Freiheitsbewegungen und müssen auch die Nachklänge der 1848/49er Vorgänge aufgreifen, die über die frühen Arbeiterbildungsvereine und die ersten Gewerkschaften bis an unser Jahrhundert reichen. Die Geschichte der Arbeiterbewegung ist noch immer ein Sonderthema für Gewerkschaften und Sozialdemokraten. Auf der anderen Seite liegt das Vorspiel der Revolution von 1848/49 ganz besonders im Verborgenen. Dieser sog. Vormärz ist erfüllt von sozialer und politischer Kritik an den bestehenden, von Metternich und einem reaktionären Bundestag bestimmten Verhältnissen. Da gibt es z. B. Robert Prutz, dessen Lebensweg durch Erlasse gegen Radikale und durch reaktionäre Zensur bestimmt war. Gleichwohl konnte sich Prutz dank seiner Unbestechlichkeit und Unbeirrbarkeit literarisch Geltung verschaffen. Seine Werke ebenso wie andere Texte zum Vormärz werden zur Zeit neu herausgebracht.

Nicht alles, was aus diesem oder jenem Grunde unseren Beifall findet, verdient deswegen auch den Namen einer Freiheitsbewegung. Ich sage es für meinen Teil offen, dass ich etwa die Freiheitskriege um 1813 und nicht einmal pauschal den gewiss überaus mutigen Staatsstreichversuch vom 20. Juli 1944 unbesehen unter diesen Begriff aufnehmen möchte. Die Freiheitskriege schlugen einen fremden Eroberer aus dem Lande; sie änderten nichts an den überkommenen gesellschaftlichen Gebundenheiten im eigenen Bereich. Der Staatsstreich gegen Hitler verband Anständige von rechts bis links gegen braunes Verbrechertum. Was bei einem Erfolg weiterhin geworden wäre, war selbst unter den Beteiligten umstritten.

Das ändert natürlich nichts daran, dass allen Beteiligten am 20. Juli 1944 unser hoher Respekt gebührt.

Freiheit bedarf der ständigen Verteidigung gegen Missbrauch. Sie war stets und ist heute in Gefahr, zum unverbindlichen Schlagwort entfremdet und entwürdigt zu werden. Nahezu alle Gewaltherrschaft, die Bürgerfreiheiten für alle vielen rückschrittlichen, aber auch irregeleitete angebliche Revolutionäre berufen sich auf die Freiheit, um ihre wahren Ziele zu verschleiern, und leider finden sie immer wieder gläubige Gefolgschaften. Wir erleben es täglich aufs neue.

Dringend brauchen wir daher ein klares, hieb- und stichfestes Verständnis vom Wesen bürgerlicher Freiheit. Mir erscheint wichtig, jeweils zu prüfen, für wieviele Menschen in jedem einzelnen Fall Freiheit erstrebt wurde, ob nur für den Staat im Sinne außenpolitischer Handlungsfreiheit, ob nur für einen Stand oder eine Klasse zur freien Befriedigung ihrer Interessen, ob nur für eine kleine Gruppe im Dienste ihrer Machtgelüste oder wirklich für alle, für die ganze Gesellschaft mit dem Ziel der Mitbestimmung und ohne Unterdrückung von Minderheiten. Ohne den Schutz von Minderheiten ist Freiheit nur ein leeres Wort.

Das war es, was auch Lessing meinte, als er 1796 an Friedrich Nicolai über die Berlinische Freiheit unter dem großen Preußenkönig folgendes schrieb :

„Sie reduziert sich einzig und allein auf die Freiheit, gegen die Religion soviel Sottisen3 zu Markte zu bringen, als man will. Und dieser Freiheit muss. sich der rechtliche Mann nun bald zu bedienen schämen. Lassen Sie es aber doch einmal einen in Berlin versuchen, über andere Dinge so frei zu schreiben als Sonnenfels4 in Wien geschrieben hat; lassenSie es ihn versuchen, dem vornehmen Hofpöbel so die Wahrheit zu sagen als dieser sie ihm gesagt hat; lassen Sie einen in Berlin auftreten,der für die Rechte der Untertanen, der gegen Aussaugung und Despotismus seine Stimme erheben wollte, wie es jetzt sogar in Frankreich und Dänemark geschieht; und Sie werden bald die Erfahrung haben, welches Land bis auf den heutigen Tag das sklavischste Land von Europa ist. Ein jeder tut indes gut, den Ort, in welchem er sein muss., sich als den besten einzubilden; und der hingegen tut nicht gut, der ihm diese Einbildung nehmen will.“

Täglich. hören wir von Freiheitsbewegungen in den verschiedensten Ländern. Sie werden z.B. vom Weltrat der Kirchenmit Sympathie begleitet und unterstützt. In der Bundesrepublik Deutschland dagegen sind das Entwicklungen, die wir in ihrer Bedeutung vielfach erst mit Verspätung erkennen. Deutsche Terroristen, die sich fälschlich zu Anwälten dieser Bewegung ernennen, sind auch hier wirksam Helfer derer, die von Freiheitsbewegungen nichts oder möglichst wenig hören mögen.

Um so deutlicher müssen wir daran festhalten, dass eine freiheitliche Gesellschaft auch bei uns eine „Gesellschaft in Bewegung“ ist. Sie kann kein fertiger und ein für allemal bleibender Zustand sein. Ihre Weiterentwicklung muss. bewusst betrieben werden, damit es nicht zu Rückfällen kommt.

Wir erleben gegenwärtig eine sich verstärkende Gleichsetzung der Strukturen unserer Gesellschaft mit der Verfassung selbst. Der Staat soll wieder einmal als das hohe, über uns schwebende Etwas verstanden werden, das unabhängig von Parlamenten, Parteien und Volkssouveränität als ein Inbegriff von ausübender Gewalt besteht. Deshalb werden radikale Verfechter von Freiheit und Demokratie auch da in den Verdacht von Verfassungsfeindlichkeit gerückt, wo sie mit und aus der Verfassung heraus für bessere Freiheit und Demokratie eintreten. Das lässt an Parallelen zu Metternich denken. Ich meine, wir sollten dem nachdrücklich widerstehen.

Wer Freiheit als eine aufklärerische Aufgabe versteht, muss. bereit sein, auch Widerspruch hervorzurufen. Wer Anstoß geben will, muss. auch Anstoß erregen können. Ich denke, wir sollten nicht ängstlicher sein, als Lessing es zu seiner Zeit war. Aufklärung, Widerspruch und Anstoß sind miteinander verwandt und allesamt Kinder der Freiheit.

Die machtpolitische Betrachtungsweise ist in Forschung und Lehre der deutschen Geschichte lange Zeit vorherrschend gewesen. Die sozialgeschichtliche Seite der Geschichte konnte sich demgegenüber noch nicht genügend durchsetzen. Deshalb habe ich es sehr begrüßt, dass gegen Ende meiner Amtszeit als Bundespräsident im Zusammenwirken des Bundes, des Landes Baden-Württemberg und der Stadt im Schloss zu Rastatt eine Erinnerungsstätte zu Geschichte und dem Verständnis der deutschen Freiheitsbewegungen entstehen konnte. In Rastatt mussten 1849 die letzten schwarz-rot-goldenen Freiheitskämpfer vor den preußischen Truppen kapitulieren. Im großen Saal des Schlosses verurteilte ein Kriegsgericht gefangene Freiheitskämpfer zum Tode oder zu hohen Zuchthausstrafen. Die Erinnerungsstätte steht also an einem historischen Platz.

Diese Stätte soll kein toter Schauplatz von ein- für allemal ausgewählten Stücken sein, sondern im Lichte gemachter Erfahrungen durch wechselnde Sonderschauen, etwa nach Landschaften ergänzt werden. Nur so kann die Fülle des vorhandenen Stoffes überhaupt berücksichtigt werden. Auch bedarf Rastatt der Förderung des Besuches aus allen Teilen Deutschlands, sonderlich durch Schulen und Jugendgruppen. Es soll vor Augen führen, dass unsere freiheitliche Demokratie, so wie unser Grundgesetz sie darstellt und entwickelt wissen will, eigene Geschichte hat und dass alle Männer und Frauen, die Freiheit und Leben für sie geopfert haben, uns mahnen, niemals leichtfertig mit den Grundrechten. Umzugehen, die uns heute gewährleistet sind.

Die Preisrichter, die mir den Lessingpreis zuerkannten, haben mir bescheinigt, dass ich mich herrschenden Meinungen zu widersetzen wusste. Ich danke Ihnen dafür und gräme mich nur etwas darüber, dass darüber, dass Sie geschrieben haben: Er hatte den Mut, sich herrschenden Meinungen zu widersetzen.

Ich möchte mich des Preises und seines Namenträgers dadurch würdig erweisen; dass ich weiterhin den Mut aufbringe, wenn es denn in gefahrloser Zeit überhaupt einer ist, liebgewordene Vorurteile anzugehen und Verdrängtes ins Bewusstsein zu rücken. Den mir zugesprochenen Geldpreis werde ich zu einem Drittel für die Erinnerungsstätte in Rastatt, insbesondere für deren besseres Bekanntwerden verwenden, im übrigen aber für Amnesty lnternational.


  1. Rede anlässlich der Verleihung des Lessingpreises der Freien und Hansestadt Hamburg 1974 an Gustav Heinemann, dritter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland [1969- 1974] (SPD-Mitglied seit 1957. Veröffentlicht in der katholischen Zeitschrift „Publik-Forum“ Nr. 22, 4. Jg., 31. Oktober 1975. ↩︎
  2. Übertragung in neue Rechtschreibung und Anmerkungen v. Hartmut Ring, GEW-Ausschuss für Friedensbildung Hamburg. ↩︎
  3. Sottisen = abfällige, stichelnde, verletzende Bemerkung, Dummheit. ↩︎
  4. Josef von Sonnenfels österreichischer Schriftsteller und Professor der Politischen Wissenschaften, Aufklärer, Jurist, 1732 – 1917, in der Literatur auch oft auch als „Lessing von Österreich“ genannt. ↩︎